Naturwein – trendiger Genuss oder trübes Gesöff?

von Fräulein Rebe
Naturwein

Über den Begriff Naturwein stolpert man in letzter Zeit immer häufiger. Dabei kann (!) der Naturwein durchaus mehr sein als ein muffig-trübes Trendgetränk. Was Wein zum Naturwein macht und worauf man achten sollte, lest ihr im Artikel.

Naturwein – Wein in seiner natürlichsten Form

Der Begriff Naturwein ist nicht geschützt und geistert in unterschiedlichen Varianten durch die Weinwelt: Natural wine, vin natural, row wine, vins vivants usw. meinen alle dasselbe: Weine, die so naturbelassen wie möglich sind. Naturweine sind meistens unfiltriert, das bedeutet Hefen oder Tannine setzen sich ab, trüben den Wein und werden vom Winzer nicht abgetragen. Das gibt den Weinen ihr trüb-milchiges Aussehen.

Außerdem vergären Naturweine spontan, das bedeutet mit den natürlichen Hefen, die u.a. auf den Schalen anhaften. Der Winzer fügt also nicht wie beim konventionellen Weinbau Zuchthefen hinzu. Mit (Rein-)Zuchthefen steuert der Winzer die alkoholische Gärung und beeinflusst das Aroma des Weins. Bei der Spontanvergärung überlässt er den natürlichen Hefen den Gärprozess – nicht ohne Risiko: manchmal sind zu wenig Hefen vorhanden, sodass die Gärung stoppt oder die Hefen bilden Aromen aus, die den Wein negativ beeinflussen.

Darüber hinaus kommen Naturweine mit wenig bis gar keinem Schwefel aus. Die Folge: der Wein entwickelt eine eigene Aromatik und entfaltet sich – sobald er mit Sauerstoff in Berührung kommt – viel schneller als konventioneller Wein. Der Geschmack des Naturweins unterscheidet sich sehr stark von dem herkömmlicher Weine: erdige Noten, der Geschmack von Hefe und Fallobst kommen dem Geschmack von Naturwein recht nah. Oft riecht er muffig, abgestanden, würzig. In jedem Fall unterscheiden sich Geruch und Geschmack von Naturweinen sehr stark von konventionellen Weinen und wirken zunächst sehr ungewohnt für unsere Nasen und Gaumen.

Schwefel (oder Sulfit SO2) dient als Oxidationsschutz und verhindert die Entstehung von Bakterien und Pilzen im Wein. Allerdings kann Schwefel auch das Aroma des Weins beeinflussen oder sogar beeinträchtigen. Winzer, die Wert auf hohe Qualität legen, vermeiden zu hohe Schwefelzugaben und konzentrieren sich darauf, möglichst gesunde Trauben lesen zu können. Weine, die eine Schwefelmenge von 10mg/l unterschreiten dürfen laut EU-Vorgaben als „ungeschwefelt“ bezeichnet werden.

Naturweine: Rückschritt in der Weinherstellung?

Naturweine erfreuen sich – vor allem in den letzten Jahren – immer größerer Beliebtheit. Back to the (wine)roots, Natürlichkeit, Nachhaltigkeit – Werte, die für viele von uns an Bedeutung gewinnen, auch beim Weingenuss.

Allerdings muss man in Sachen Naturwein kritisch sein: nicht alles, was als Natur im Wein angepriesen wird, hat mit Weinkultur zu tun. Oft steckt hinter einem Naturwein tatsächlich mehr Inkompetenz als Spitzenhandwerk, denn die Herstellung von Naturweinen ist mit großem Aufwand verbunden und erfordert viel Erfahrung. Anders gesagt: Naturwein entsteht auch, wenn der Winzer unsauber gearbeitet hat und das daraus resultierende (schlechte) Ergebnis als Naturwein verkauft. Ein solcher Naturwein ist dann mehr als Rückschritt in der Weinherstellung zu verstehen als großes Winzerkino im bestmöglichen Natureinklang.

Es geht natürlich auch anders

Es gibt aber viele Produzenten, die sich der Naturweinherstellung mit Begeisterung und viel Winzer-Herzblut verschrieben haben. Sie arbeiten mit größter Sorgfalt daran, möglichst gesunde Trauben (ohne chemische Hilfsmittel) entstehen zu lassen, um bei der Arbeit im Keller auf Schwefelzusatz weitestgehend verzichten zu können. Dann entstehen Weine, die unglaublich komplex, positiv andersartig und aromastark sind. Lasst Euch am besten von Eurem Weinhändler beraten. Er wird Euch erklären, wie der Wein hergestellt wurde, wie der Winzer arbeitet und was den Wein auszeichnet. Gebt dem Wein nach dem Öffnen ein bisschen Zeit und Luft, sodass er seine Aromen entfalten kann und gleichzeitig an Strenge im Bouquet verliert. Bei jedem Naturwein hat – trotz allem Geschick des Winzers – die Natur das Sagen, und das kann manchmal richtig spannend schmecken.

Naturweine? Ja – mit diesen Einstiegsweinen!

Ein Winzer, der sich auf die Produktion von Naturweinen spezialisiert hat, ist Marc Castan von der Domaine Mâmârutá im Süden Frankreichs. Ein guter Einstiegswein in die Welt der Naturweine ist der Trafalgar (mein Verkostungserlebnis mit diesem Wein lest ihr hier im Blog).

Ein weiterer guter Einstiegs-Naturwein ist der „Tacheles“ vom Weingut Weinreich aus Bechtheim in Rheinhessen: ein naturtrüber, knochentrockener, feinfruchtiger Bacchus – perfekt zum Rantasten an die Welt des Naturweins.

Wer mutig ist und Lust auf Neues hat, für den ist ein Gläschen Naturwein Pflicht! Wer nur mit konventionellem Wein glücklich ist – Finger weg vom Naturwein!

Produktempfehlung

1 Kommentar(e)

1 Kommentar(e)

Wüsten-Wein: Über den Naturwein Naturaleza Salvaje - Fräulein Rebe 28. März 2020 - 10:54

[…] und nichts für jeden Tag und wahrscheinlich auch nichts für jedermann. Wer offen ist für Naturweine und keine Scheu vor Orangeweinen hat: zugreifen! Hier bekommt man außerordentliche Qualität in der […]

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